Die Momentaufnahme: Flüchtlinge (nicht) fotografieren

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Fotograf in München und trotzdem nicht am Hauptbahnhof?

Ich bin Fotograf. Ich lebe in München. In München findet dieser Tage ein Ereignis von vermutlich historischer Bedeutung statt: Tausende Flüchtlinge erreichen den Münchner Hauptbahnhof. Da liegt doch nahe, dass ich hinfahre und fotografiere? Sagt der Verstand. Aber der Bauch sagt nein. Ein Mensch auf der Flucht ist ein Mensch in Not. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich bin sicher, ich würde gute Bilder kriegen, aber ich fühle mich nicht gut bei dem Gedanken, warum auch immer.

Das Foto des toten Kindes am Strand von Bodrum will ich nicht ansehen, jede Veröffentlichung macht mich wütend. Die Fotografin sagt im Interview: Ich konnte für das Kind nichts mehr tun außer ihm durch die Bilder eine Stimme zu geben. Ich überlege, vielleicht ist da was dran? Ich weiß es nicht. Das Bild hat viele Emotionen ausgelöst.

Bilder und Emotionen

Ich denke darüber nach, was bei Menschen Emotionen auslöst und was in der Folge diese Emotionen bei Menschen auslösen. Ich denke darüber nach, was Medien mit Emotionen zu tun haben. Ich denke darüber nach, was meine Meinung zu den Fragen der Fluchtthematik ist. Ich weiß es nicht.

Ich sehe viele Menschen, die sich klar positionieren und Positionen vehement vertreten. Und frage mich, wie diese Menschen zu ihren klaren Positionen kommen. Ich frage mich, welche Rolle die Medien spielen. Ich frage mich, welche Rolle Bilder spielen. Ich sehe viel Aggression in den Diskussionen, viel verbale Gewalt. Ich frage mich, welche Rolle dabei Ängste und persönliche Erfahrungen spielen. Mir fällt auf, dass die Diskussionen sehr polar geführt werden, dass Menschen bei kleinster Indikation umgehend stigmatisiert werden. Ich sehe, dass ein friedlicher Umgang miteinander nicht einmal auf der Metaebene der Diskussion gelingt, oft gar nicht angestrebt wird.

Fotograf München Rehbinder EH_4654-300x200Ich kenne viele Hintergründe nicht, habe so gut wie nichts mit eigenen Augen gesehen. Ich kenne mich politisch und kulturell viel zu wenig aus, um mir wirklich eine Meinung bilden zu können. Alle Informationen, die ich habe, sind aus den Medien. Ich ahne Manipulation, bewusst gesteuert oder als Mittel zum Erreichen nicht genannter Ziele.

Erste Hilfe ist keine Option

Eines ist mir aber völlig klar: Wenn ein Mensch in akuter Not ist, dann helfe ich. Und ich befürworte jede Hilfe, die meine Mitmenschen leisten. Da spielt es in diesem Moment keine Rolle, wie es zur Notlage kam, wer daran die Schuld trägt oder wie man die Ursache vermeiden kann.

Wenn ich sehe, wie jemand auf der Straße zusammenbricht, gehe ich nicht vorbei und rufe „ich hab selbst genug Probleme!“. Oder wenn ich an eine Unfallstelle komme, leiste ich natürlich umgehend Erste Hilfe. Die Fragen, ob die Person zu schnell gefahren oder bewusst ein Risiko eingegangen ist, ob es sich um eine gefährliche Stelle handelt, die anders abgesichert werden muss oder ob politisch was an der Regulierung von Fahrerlaubnissen oder Höchstgeschwindigkeiten geändert werden sollte, die kann ich nachher stellen. Aber doch nicht anstatt dem betroffenen Menschen zu helfen!

 Danke „Frau Merkel“?

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Ich war heute am Münchner Hauptbahnhof. Ich kam mit Kamera von einem Kundenshooting und habe dann doch noch ein paar Fotos gemacht, auch von Flüchtlingen. Drei davon kann ich vertreten hier zu zeigen. Das letzte Bild rührt mich zu Tränen.

2017-03-13T09:47:45+00:00

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