Social Media und Narzissmus

Fotograf München Rehbinder Narzissmus-300x200Ein entscheidender Einflußfaktor beim User-Verhalten in Social Networks ist die grundsätzliche Motivation der Menschen sich hier zu präsentieren.

Werden auf Nachfrage bei Nutzern stets Vorteile wie Vernetzung, Kommunikation oder Austausch betont, so steckt im Grunde in den meisten Fällen tiefenpsychologisch noch ein anderer Beweggrund dahinter: Selbstdarstellung mit der Erwartung eines positiven Feedbacks. Die Selbstdarstellung prägt sich vorwiegend durch Eitelkeit aus, gesucht wird Bestätigung, die zur Selbstwerterhöhung führt.

Narzissten sind nicht selbstverliebt

Tatsächlich handelt es sich dabei um sogenannten Narzissmus, der im allgemeinen Sprachgebrauch als „Selbstverliebtheit“ durchaus negativ konnotiert ist, psychologisch gesehen aber genau das Gegenteil im Vordergrund hat. Narzissmus stellt eine der am weitest verbreiteten Formen der Persönlichkeitsstörung dar. Eine Persönlichkeitsstörung wiederum ist, je nach Schwere und direktem oder indirektem Leiden darunter, nicht gleichzusetzen mit einem Krankheitsbild, sondern bedeutet lediglich eine mehr oder minder starke Einwirkung auf Denken, Empfinden und Verhalten von Menschen. Das ist mir wichtig zu betonen. Einen mehr oder minder stark narzisstischen Störungseinfluss haben die meisten Menschen, entscheidend ist, wie sehr er die Persönlichkeit prägt oder gar steuert.

Die Leitsymptomatik der narzisstischen Störung ist, so widersprüchlich das jetzt klingen mag, weil sich gerade Narzissten meist völlig selbst-überzeugt und souverän nach aussen darstellen, ein schwaches Selbstwertgefühl (unrichtig auch „Selbstbewusstsein“ genannt). Die Folge ist: Der Mensch mit dem narzisstischen Störungseinfluss findet seinen Selbstwert nicht in sich selbst, sondern zweifelt ganz grundsätzlich daran und sucht die Bestätigung im Aussen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt für das Verständnis des Folgenden.

Bestätigung über Facebook

Soziale Netzwerke, insbesondere Plattformen, die das Publizieren von Fotos oder gar Videos ermöglichen, allen voran Facebook und erst recht YouTube, bieten Narzissten eine geradezu ideale Bühne zur Eigenpräsentation, sei es durch Texte, Kommentare, Tweets, Fotos oder gar Videos der eigenen Person. Hinter diese Eigendarstellung steckt der Wunsch nach positiver Bestätigung durch andere. Erfolgt diese in geeigneter Form, dann fühlt sich der Narzisst unmittelbar in seinem Selbstwert bestärkt. In schwerwiegenden Fällen kann das sogar soweit gehen, das der Selbstwert vollkommen abhängig ist vom Feedback zur öffentlichen Selbstdarstellung. Sind die Rückmeldungen positiv, dann resultiert daraus eine unangemessene Selbstüberhöhung und -überschätzung, bleibt das Feedback aus oder ist gar kritisch, dann resultiert eine unangemessene Selbstabwertung.

Avatare als Indikator

Eine kürzlich von 3 amerikanischen Universitäten durchgeführte Studie belegt z.B. eindeutig den Zusammenhang zwischen ausgiebigen Fotodarstellungen von Personen auf Facebook und deren Selbstwertdefizit. Besonders bei Frauen, die ihren Wert häufig über die Rückmeldungen zu ihrem Erscheinungsbild definieren, wird das deutlich. Einfach gesagt ist das Ergebnis der Studie, dass Frauen einen um so grösseren Selbstwertzweifel haben, je mehr Bilder von sich sie auf Facebook präsentieren.

Social Media und die Drogen

Externe Bestätigungsmechanismen haben, wie ich schon mal beim Beitrag über Trolle und Hater erwähnt habe, mit dem Gehirnstoffwechsel zu tun, insbesondere mit der Ausschüttung von Dopamin und weiteren „Eigendrogen“. Abhängig vom externen Bestätigungs- oder Kritikerlebnis, kommt es zusammen mit dem unbewussten Verarbeitungsprozess, ähnlich wie beim Drogenkonsum, zusätzlich zur Adaptation. Das heisst, einfach ausgedrückt: Erfahre ich regelmässig und kontinuierlich Bestätigung, dann gewöhne ich mich daran und brauche für die Dopaminausschüttung, also im Endeffekt das Bestätigungserlebnis, eine immer höhere Dosis. Bleibt die Dosis aber gleich, dann ebbt die Wirkung langsam ab und ich empfinde den externen Zuspruch nicht mehr wirklich als Bestätigung. Ich muss dann schnellstens handeln um wieder in den Steigerungsbereich zu kommen, wieder den Kick zu kriegen.

Mein täglich Feedback gib mir heute

Vor diesem Hintergund ist gut verständlich, warum es vor allem auf YouTube immer wieder zu den beobachteten Auswüchsen kommt, die vor allem dann auffällig werden, wenn irgendwo das positive Feedback nachlässt. Meistens passiert das sogar schon, wenn die Steigerung der Dosis, also die Zunahme an positiven Rückmeldungen, nachlässt. Das Feedback auf YouTube besteht in erster Linie auf Abozahlen, Klickzahlen, Daumen hoch und Kommentaren. Machen wir uns bewusst, dass all diese Parameter also einen direkten Einfluss auf das Selbstwertgefühl eines narzisstisch geprägten Kanalbetreibers haben. Es geht hier, je nach grad der narzisstischen Störung, nicht um ein ein bisschen gekränktes Ego oder sowas, es geht um die zentrale Substanz des Selbstwertgefühls.

Das Kommentar-Torpedo

Das wird vor allem dann spürbar, wenn jemand sehr erfolgreich ist, jede Menge positives Feedback bekommt, möglicherweise tausende oder gar zigtausende von Abonnenten hat, und dann aber mit ein paar negativen Kommentaren plötzlich nicht umgehen kann. Was dahintersteckt ist klar, eine negative Rückmeldung, ja sogar eine andere Meinung oder ein Nachlassen der Aufmerksamkeit anderer reicht beim Narzissten aus, um spontan das auf externe Beurteilung ausgelegte Selbstwertgefühl zu torpedieren. Eine negative Rückmeldung zählt mehr als tausend positive? Ja, weil das Gehirn sich auf die positiven im Lauf der Zeit schon adaptiert hat und diese nicht mehr die selbe Rolle spielen und nicht mehr die selbe Wichtung erfahren wie die eine negative.

Kritiker müssen geschlachtet werden

Wie reagiert ein Narzisst auf Kritik oder andere Meinung? Das typische Muster ist in dem Fall die Abwertung. So wie ich als Narzisst die Kritik anderer grundsätzlich auf meinen Selbstwert, also auf meine Person beziehe und nicht auf mein Werk oder mein Handeln, so werte auch ich in Analogie nicht die Worte des anderen ab, sondern umgehend die Person selbst. Wenn jemand in der Lage ist, mein Selbstwertgefühl durch seine Kritik oder andere Meinung anzugreifen, dann ist diese Person nämlich eine Bedrohung für mich und ich muss sie schnellstens abwerten, d.h. als für mich bedeutungslos erklären.

Good bye, my Plattform!

Wenn mir z.B. YouTube und das Erlebnis dort nicht mehr die gewohnte Selbstwerterhöhung bringt, warum auch immer, dann lass ich das nicht einfach so stehen. Nein, dann lösche ich mit grösstem Tammtamm (was eine Anforderung von Aufmerksamkeit darstellt) meinen Kanal, kündige es lange und gross vorher an, steige dann endlich aus und vernichte alles. Und warum? Weil ich das, was meiner Selbstwertbestätigung nicht mehr hilfreich ist, ABWERTEN, für falsch und unsinnig erklären muss. Denn im Endeffekt ist YouTube, genau wie eine Kritik, für mich und mein Ego ein defizitäres Instrument geworden. Im selben Schritt muss ich natürlich auch all die Leute in Frage stellen, die auf YouTube noch erfolgreich ihren Selbstwert bestätigen oder erhöhen lassen. Wenn ich glaubhaft klingen will, dann betone ich dabei ausdrücklich, dass mir Letzteres wiederum völlig gleichgültig ist. Auch diese Souveränität möchte ich bitte bestätigt haben, denn hätte ich sie wirklich, würde ich sie nicht thematisieren.

Das derzeit beste Notebook. Ich habe es!

Angenommen, Sie besitzen ein neues Notebook. Sie sind mit dem Gerät vollkommen zufrieden. Haben Sie dann das Bedürfnis, es im ganzen Büro herumzuzeigen „Schaut mal, wie toll mein neues Notebook (Auto, Haus, Freund, Freundin, …) ist und was das alles kann!“? Oder gar im Social Web? Nein, das machen Sie nur genau dann, wenn Sie eigentlich unsicher sind, ob es wirklich so toll ist und ob der Preis wirklich gerechtfertigt ist. Das machen Sie, wenn Sie externe Bestätigung brauchen für das Gerät, Ihre Investition, Ihre Beziehung, Ihr Handeln, Ihr Sein. Wie sympathisch ist Ihnen denn der Kollege Schmittich, wenn er Ihnen dann, möglichst vor der ganzen Belegschaft, erklärt, dass Ihr stolz präsentiertes Notebook eigentlich ein Vorjahresmodell mit schlechten Kritiken ist und sein Sohn ihn leider auch besitzt, diesen Computerschrott? Wie sehen Sie Herrn Schmittich jetzt und wie sehen Sie auf Ihr neues Gerät? Genau wie vorher?

Sind im Social Web nur Narzissten?

Sind wir ehrlich zu uns selbst, fast wir alle, die wir laufend Statusmeldungen in Facebook posten oder die wir auf YouTube als Produzenten und Darsteller aktiv sind, haben eine überdurchschnittlich narzisstische Prägung. Wenn wir mit uns selbst wirklich so im Reinen wären, von unserem Selbstwert wirklich tief überzeugt und völlig gelassen gegenüber externer Bewertung, dann würden wir uns dort nicht darstellen. Wir hätten überhaupt keine Motivation dazu, uns öffentlich zu präsentieren.

Machen wir uns das doch bewusst und sehen mit einem Lächeln auf unsere eigene, eitle Selbstdarstellung und die anderer. Wir müssen niemanden abwerten um gut zu sein. Wenn uns jemand kritisiert, eine andere Meinung hat, oder meinetwegen auch laut rumschreit, über uns schimpft und flucht, welche Bedeutung hat das denn für uns? Das ist doch nun wirklich ganz allein seine Angelegenheit. Wir wissen doch, dass wir gut sind. Richtig?

2017-03-13T09:47:48+00:00

4 Kommentare

  1. […] wie in dieser Branche. Die Grenze zwischen Online Reputation Management und übertriebener Selbstdarstellung ist bei einigen Menschen wirklich nicht mehr zu erkennen. Da fragt man sich nach dem warum? Hatten […]

  2. […] […]

  3. Vera Rozmarynowski 27. November 2012 um 00:08 Uhr- Antworten

    hehe, Manu

  4. Manuela Mast 15. November 2012 um 22:08 Uhr- Antworten

    Lustig, lustig!

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